Kalenderblatt dw.com
 
25.4.1983: Angebliche Hitler-Tagebücher
Audio
Die Weltsensation ist perfekt: Der "Stern"-Journalist Gerd Heidemann hat 'Hitlers Tagebücher' gefunden, nach dreijährigen Recherchen. Aufgrund des sensationellen Fundes schlussfolgert der "Stern": "Die Geschichte des Dritten Reiches wird in großen Teilen neu geschrieben werden", und Chefredakteur Peter Koch triumphiert, es sei die "größte journalistische Sensation der Nachkriegszeit".

Wie die Illustrierte berichtet, hat Hitler von Juni 1932 bis Mitte April 1945 über 60 Tagebücher geschrieben. Die verschnürten schwarzen Kladden waren mit Reichsadler und Hakenkreuz versiegelt. Diese hätten zusammen mit anderen Unterlagen im April 1945 von Berlin aus mit dem Flugzeug auf den Obersalzberg gebracht werden sollen. Eine der damals gestarteten Maschinen ist nach Darstellung des "Stern" in der Nähe von Dresden abgestürzt, es gäbe Augenzeugen des Absturzes, die erste Hinweise auf Inhalt und Verbleib der Maschinenladung gegeben hätten.

"Stern"-Chefredakteur Peter Koch: "An der Echtheit der Tagebücher kann nicht gezweifelt werden. (...) Viel Feind, viel Ehr. (...) Sie als Leser braucht das nicht zu stören. Die Tagebücher sind echt, unsere Beweise seriös und zahlreich!"

Belegt worden sei die Echtheit der Tagebücher durch "renommierte Schriftsachverständige und Historiker".

Doch von Anfang an wird die Echtheit bezweifelt. Ist es ein Werbegag, eine politische Zeitbombe oder eine hochkarätige Fälschung? Stammen die Tagebücher vom KGB, wie es der französische "Figaro" annimmt? Sind sie ein Machwerk von Neonazis, wie die Akademie der Wissenschaften in Moskau vermutet, oder sind sie ein ostdeutsches Stasi-Produkt - so die Theorie des britischen Ex-Geheimdienstlers George Young, die der Historiker Werner Maser noch unterstützt:

"In der DDR gibt es eine Fälscherwerkstatt, in der Hitler-Bilder, Hitler-Briefe, Hitler-Notizen produziert werden für den Verkauf als Devisenbringer."

Die Diskussion um die angeblichen Ergüsse des Diktators füllt weltweit die Tageszeitungen und Fernsehkanäle, denn Gründe für die Zweifel gibt es genug: In der gesamten Literatur über das so genannte Dritte Reich gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, dass Hitler derartige Notizen gemacht hat und dass ihn jemand beim Schreiben beobachtet hätte.

Hitler habe jegliche handschriftlichen Eintragungen vermieden, denn durch die Parkinsonsche Krankheit habe er gezittert. Andere sagen, Hitler sei durch das Attentat vom 20. Juli 1944 am rechten Arm verletzt worden und seither behindert gewesen. Deshalb habe er seine Texte immer diktiert. Obendrein entsprächen die Texte nicht dem Stil Hitlers.

Die "Sunday Times" will auf einen Abdruck der Tagebücher verzichten, so lange die Echtheit nicht bestätigt ist. Die Zeitung ist in dieser Beziehung allerdings ein gebranntes Kind, kaufte sie doch 1967 die von zwei älteren Damen gefälschten Tagebücher Benito Mussolinis.

Erst nach Drängen der Öffentlichkeit lässt der "Stern" die Tagebücher von einer Expertengruppe des Koblenzer Bundesarchivs, des Bundeskriminalamts und der Bundesanstalt für Materialprüfung untersuchen.

Die Analyse ergibt: Die verwendeten Materialien konnten in den betreffenden Jahren noch nicht vorliegen: Substanzen im Papier waren vor 1955 noch nicht auf dem Markt, weder die Ledereinbände noch die Heftfäden, Tinte oder Klebstoff existierten in jenen Jahren, als Adolf Hitler angeblich die Tagebücher schrieb. Außerdem sei das Siegel unecht, ein Initial verkehrt und die Schrift gefälscht. Inhaltlich und formal, so das Ergebnis der Expertise, handelt es sich um eine Fälschung.

"Stern"-Journalist Gerd Heidemann wird fristlos entlassen. Herausgeber Henri Nannen erklärt, er könne sich den Bedenken des Bundesarchivs nicht entziehen und gesteht ein: "Wir haben Grund, uns vor unseren Lesern zu schämen für das, was passiert ist."

Die "Stuttgarter Nachrichten" sind die ersten, die den Fälscher enttarnen: Konrad Kujau alias Konrad Fischer, Militariahändler und eine Stuttgarter Halbweltgröße, die stets im braunen Ledermantel und kleinkariertem Hut auftritt. Am 26. Mai 1983 gesteht Kujau die Tat. Er wird verhaftet und sagt gegenüber dem "Spiegel": "Das ist keine Fälschung, das ist eine Gaudi."

Für die Gaudi hat Kujau vom "Stern" nach Angaben Heidemanns über 9,3 Millionen D-Mark erhalten. Dagegen steht die Aussage Kujaus, 'nur' 2,7 Millionen bekommen zu haben. Über die Differenz herrscht bis heute Unklarheit. Hat Heidemann die Millionen für Nazi-Devotionalien verwendet? Schließlich ist er bekannt für seine Nazi-Leidenschaft - bereits 1973 hatte er sein Haus versetzt, um die Carin II, eine Yacht Hermann Görings, zu kaufen. Auf dem Prozess ist von Scheckbuchjournalismus die Rede und die journalistische Sorgfaltspflicht, die der Stern vermissen ließ, ist auch Thema des Prozesses.

Das Gericht in Hamburg verurteilt Reporter Heidemann zu vier Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe, Fälscher Kujau erhält vier Jahre und sechs Monate Haft. Chefredakteur Koch kommt mit der Blamage und einer fetten Abfindung davon.

Was zur größten journalistischen Sensation der Nachkriegszeit werden sollte, ging als bislang größter Presse-Flop aller Zeiten in die Geschichte ein.

Autorin: Sabine Ochaba

   
Audio
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Ein Mann kommt am weitesten, wenn er nicht weiß, wohin er geht.
  > Oliver Cromwell
> RSS Feed
  > Hilfe
Welche Meere sind durch den Suezkanal verbunden?
  Der Atlantik mit dem Pazifik
  Das Mittelmeer und das Rote Meer
  Das Schwarze Meer mit dem Mittelmeer