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14.2.1964: Die "Fünf Weisen"
Jeder Kapitän braucht einen Lotsen, wenn er in schwieriges Fahrwasser gerät - dieses Gefühl, in unübersichtlicher Lage einer besonderen Beratung zu bedürfen, hatte die Politik in der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren. Die stürmischen Wachstumsraten der Wirtschaftswunderzeiten ebbten ab, im Nachkriegsdeutschland begannen sich Probleme aufzutürmen.

Damals berief Bundespräsident Heinrich Lübke die ersten Mitglieder des "Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung". Fünf besonders kompetente Wirtschaftsexperten, die keiner Regierung angehören und weder Arbeitgeber noch Gewerkschaftsinteressen vertreten - sie werden seitdem auf fünf Jahre berufen. Sie sollen untersuchen, wie sich die vier wirtschaftspolitischen Ziele Wachstum, Preisstabilität, hohe Beschäftigung und außenwirtschaftliches Gleichgewicht am Besten verwirklichen lassen.

"Und wenn Du nicht weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis" hieß es damals und in der Öffentlichkeit kam die Idee einen Sachverständigenrat zu gründen nicht besonders gut an. "Hofnarren der Republik" und "Verlegenheitslösung" scholl es aus dem deutschen Blätterwald.

Respekt

Doch es dauerte gar nicht lange und das Expertenquintett hatte sich Respekt verschafft. Schnell bürgerte sich der Begriff der "Fünf Weisen" ein. Das Gesetz über die Bildung des Sachverständigenrates war vom Bundestag im Juli 1963 in seltener Einmütigkeit verabschiedet worden. Vor der Schlussabstimmung sagte der 1972 verstorbene FDP Abgeordnete Albrecht Aschoff: "Unser Haus ist es offenbar nicht gewöhnt, dass es tatsächlich einmal gelingt, eine entscheidende wirtschaftspolitische Neuerung einstimmig anzunehmen."

Die veröffentlichte Meinung der "Fünf Weisen" war den Regierenden nicht immer bequem. Am 9. Januar 1965 schrieb die "Frankfurter Allgemeine": "Das erste Jahresgutachten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat in Bonn wie eine geballte Ladung gewirkt. Wie ein Hammer ist es auf die an das milde Säuseln amtlicher Berichte gewohnten Bonner Ministerialbeamten niedergefallen."

Die "Fünf Weisen" nämlich hatten im jahrelangen Streit um fixierte Wechselkurse klar Stellung bezogen. Quasi über Nacht fanden sich die Professoren in den Niederungen der alltäglichen Politik wieder.

Wirtschaftspolitische Klugheit

Die Väter des Gesetzes zur Bildung eines Sachverständigenrates haben bewusst darauf verzichtet, eine bestimmte Zuordnung von Mitgliedern festzuhalten. Es wurde aber angestrebt, je ein Mitglied in Abstimmung mit den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden zu berufen. Daraus ist ein "Gewohnheitsrecht" geworden. Eine Zeitlang erstatteten die gewerkschaftsnahen Ratsmitglieder regelmäßige Minderheitenvoten. Diese Praxis ist dann eingeschlafen - stattdessen einigte man sich irgendwie und brachte einen Kompromiss zustande.

Wirtschaftspolitische Klugheit und Beharrlichkeit hat dem Rat im Laufe seines Bestehens Ansehen und Autorität verschafft. Und seine Aufgabe ist nicht leichter geworden.


Autorin: Gerda Gericke
   
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