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17.9.1991: Hoyerswerda
"Deutschland den Deutschen, Ausländer raus."

Hoyerswerda im September 1991. Rund 100 Skinheads attackieren ein Asylbewerberwohnheim mit Molotowcocktails, brennenden Benzinflaschen und Stahlkugeln. Wehrmachtslieder und "Sieg Heil"-Rufe hallen von den Wänden der Plattenbausiedlung wieder. Seit einer Woche macht die sächsische Kleinstadt mobil gegen ihre Ausländer.

Angefangen hat die Hetze auf dem Marktplatz: Ein Neonazitrupp überfällt vietnamesische Straßenhändler. Von der Polizei vertrieben, ziehen die wütenden Jugendlichen weiter in die Albert-Schweitzer-Straße - direkt zum Gastarbeiterwohnheim. Ein paar Stunden später sind alle Fenster bis in den fünften Stock zersplittert.

Die Polizei ist machtlos. Der Platz wird zwar geräumt, doch die Randale gehen weiter. Auch in den kommenden Nächten fliegen Steine. Am vierten Abend der vorläufige Höhepunkt rechtsradikaler Ausschreitungen seit dem Zweiten Weltkrieg: Die Angreifer haben ein neues Ziel, die Unterkunft von Asylbewerbern in der Thomas-Münzer-Straße. Als die Polizei eintrifft, ist die Straßenschlacht schon in vollem Gange. Die verängstigten Bewohner haben sich mit Eisenstangen und Knüppeln bewaffnet und schlagen zurück:

"Jedes mal wenn wir rausgehen, greifen sie uns an. Wir haben Angst um unser Leben. Uns hilft auch nicht die Polizei."

Und die Nachbarn auch nicht. Geschlossen steht die johlende Menge hinter den rechten Schlägertrupps und feuert sie an. Denn die Anwohner wollen die Ausländer loswerden - und zwar sofort. Sie nehmen kein Blatt mehr vor den Mund und machen ihrem Ärger Luft:

"Das ist ne ganz andere Kultur. Die sind rücksichtslos. Auch die Kinder sind rücksichtslos gegenüber unseren Kindern. Das ist einfach kein Auskommen."
"Wo solln sie denn hin?"
"Sie können bleiben, aber nicht hier mitten unter uns. Da müssten sie etwas ans Randgebiet, weil sie sich nicht benehmen. Wie gesagt, in der Nacht kann man nicht schlafen. Das geht nicht so. Man ist froh, dass ein bisschen Grün ist hinten raus. Man hat ja sonst kein Grün in der Stadt weiter. Aber nein, man kann dahinten nicht mehr langgehen, das stinkt, die werfen ihren Müll, ihr Essen dort raus."

Nach einer Woche haben es die deutschen Bewohner der Plattenbausiedlung geschafft. Ihre ausländischen Nachbarn werden aus Hoyerswerda weggebracht. Dabei wären zumindest die Gastarbeiter sowieso nur noch drei Monate geblieben, sie gehörten zu den Letzten, die in den 1970er Jahren von der DDR-Regierung ins Land geholt worden waren. Ihre Verträge wären Ende 1991 ausgelaufen. Und trotzdem entschieden sich Polizei und Politiker für die einfachste Lösung: Evakuierung.

Der damalige Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf, rechtfertigte die Verlegung der Ausländer. Es hätte keine Alternative gegeben:

Biedenkopf: "Als Kapitulation der Politik möchte ich die Verlegung der Ausländer, bzw. der Asylanten nicht bezeichnen. Wir haben uns nach langen Überlegungen zu diesem Schritt entschlossen, weil wir in diesem Neubaugebiet große Schwierigkeiten hatten, die Leute zu schützen, und weil wir nicht sicher waren, ob wir schnell genug die aufgeheizte Stimmung wieder unter Kontrolle bringen. Es war also eigentlich mehr eine Schutzmaßnahme."

Die Eskalation in Hoyerswerda war absehbar. Knapp 70.000 Menschen leben in der nordsächsischen Stadt. Die ausländischen Arbeitskräfte wurden zu DDR-Zeiten im Braunkohletagebau gebraucht. Sie wurden streng isoliert untergebracht. Nach der Wiedervereinigung ging es mit dem Kohleabbau bergab. 1991 waren acht Prozent der Einwohner von Hoyerswerda ohne Arbeit. In den tristen Wohnblocks wuchsen Neid und Missgunst, und dann kamen die Asylbewerber, die auch noch in die neusten Wohnungen einzogen. Das brachte das Fass zum überlaufen.

Der damalige Leiter des Ordnungsamtes nahm die Bürger kurz nach den Übergriffen in Schutz: "Die Anzahl der Asylbewerber prozentual auf die neuen Bundesländer ist einfach zu hoch. Weil das Problem als solches früher für uns nicht bekannt war, mit Asylbewerbern zusammenzuleben. Die Bevölkerung muss das auch erst lernen, den Umgang mit diesen Menschen."

Auch die Bürger schieben die Schuld von sich. Sie hätten schon früh gewarnt, nicht zu viele Ausländer nach Hoyerswerda zu schicken.

Der Leiter des Ordnungsamtes: "Generell sind ja auch seitens der Kirchen und anderer Organisationen immer wieder Bitten herangetragen worden, abzuwarten. Nicht gleich alle, sondern vielleicht nach einem Jahr, schrittweise und in kleinen Portionen, wenn man so will. Nein, es ist gleich die geballte Ladung unter Druck hier her gekommen. Und ich denke, auch Dresden war sich nicht im Klaren, welche Situation Hoyerswerda hat. Vom grünen Tisch einfach zu planen, die und die Größenordnung ist vorgesehen, dann kommen sie her. Das sieht man hier, das geht an den Baum."

Damals wurden viele Entschuldigungen für die Ausschreitungen gefunden, die Erklärungen reichten vom Missbrauch des Asylrechts bis zu den sozialen Problemen in Ostdeutschland.

Die Arbeitslosenquote in Hoyerswerda ist eine der höchsten in Deutschland. Sie liegt bei ca. 25 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie 1991. Trotz aller Probleme ist es still geworden in der Stadt. Von rechtsradikalen Jugendlichen keine Spur, versichert der Pressesprecher von Hoyerswerda. Ihre Wut könnten sie an Ausländern aber ohnehin nicht mehr auslassen, denn die leben hier nicht mehr.

Autorin: Leona Frommelt
   
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